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Sinti und Beruf

Sinti PowerFaces

(Textpassage aus der aktuellen Publikation)

Sinti und Roma leben seit 600 Jahren in Deutschland. Ihre Lebensweise unterscheidet sie kaum von ihren Mitbürgerinnen und Mitbürger und dennoch werden sie als Fremde wahrgenommen, als Menschen mit Integrationsbedarf. Klischees bilden immer noch die Grundlage, auf der über Sinti und Roma gesprochen und vor allem gedacht wird. Im ersten Teil dieser Veröffentlichung werden wir uns mit diesen Vorurteilen befassen. Welche Auswirkung hat der Antiziganismus auf das Leben der Sinti und Roma? Wie wirkt er sich auf ihre Chancen, Selbstwahrnehmung und Motivation aus?  

Im zweiten Teil dieser Schrift wird es um das Projekt “Sinti und Beruf” gehen, dass 2018 durch das Bundesprogramm “Demokratie leben!” gefördert wurde. Der empowernde Ansatz des Sinti Powerclub e.V. wird in Theorie und Praxis dargestellt, bevor wir zum Kernteil dieser Veröffentlichung kommen werden, den Powerfaces. Das sind jene deutsche Sinti und Roma, die sich dazu bereit erklärt haben, mit ihrer kulturellen Identität und ihrem Beruf sichtbar zu werden. Dass Klischee und Lebenswirklichkeit weit auseinander klaffen, wie hinderlich diese Vorurteile sind und wie wir als Sinti Powerclub gegen Ursache und Auswirkung des Antiziganismus kämpfen,  ist die spannende Thematik dieser Publikation, die gleichzeitig eine Plattform ist. Dieser Einblick in die Lebenswirklichkeit der Minderheit ist authentisch und autonom.

 

Sinti, Roma und Beruf

Sinti und Roma haben teilweise Berufe, die man als traditionell bezeichnen könnte. Sie sind aber aus einer Negation des sozialen Raumes entstanden, es sind Erwerbstätigkeiten, die übrig blieben, nach dem alles andere von der Liste gestrichen wurde. Der berufliche Bereich von Sinti und Roma lässt sich also nicht losgelöst vom Antiziganismus denken, wurde er doch von ihm bestimmt. Welche Erwerbstätigkeit würden Sie ausüben, wenn sie keinen festen Wohnsitz haben dürften? Wenn sie überall auf Misstrauen stoßen würden? Die Antwort auf diese Fragen bestimmt im Wesentlichen alles, was man als traditionelle Berufe der Sinti und Roma bezeichnen kann. Auch Heute ist es noch so, dass Sinti und Roma schwieriger einen Ausbildungsplatz bekommen und diskriminiert werden. Die Minderheit aber 2019 noch beruflich in eine verstaubte Schublade zu stecken, ist falsch. Denn es gibt die überwiegende Zahl der Sinti und Roma, die als Bäckereifachangestellte Brötchen verkaufen, in der Fabrik arbeiten, die Lebensmittelfiliale vor Ort leiten oder als Erzieher täglich Kinder betreuen. Für diese Publikation waren 10 repräsentative Interviewpartner eingeplant, Sinti aus dem Mittelstand, Arbeiter und Akademiker, auch Azubis die gerade ganz am Anfang stehen. Viele der eingeplanten Interviewpartner wollten sich aber nicht als Sinteza oder Sinto outen, da Sie einen schädlichen Einfluss auf ihre Karriere befürchten. Im folgenden Abschnitt lernen wir die Mutigen kennen, die Farbe bekennen.

 

Sinti PowerFaces

Renate Melis

Name: Renate Melis

Alter: 35

Ich wohne in Renningen und komme aus Ravensburg, Ummenwinkel.

Meine Stärken: Ich bin ein sehr offener und fröhlicher Mensch. Für mich sind alle Menschen gleich, egal welcher Herkunft sie sind. Ich akzeptiere die Meinung jedes einzelnen und komme mit den unterschiedlichsten Menschen zurecht.

Beruf: Ich bin gelernte Rechtsanwaltsfachangestellte und Wirtschaftskorrespondentin in Englisch und Spanisch.

Warum ausgerechnet dieser Beruf? Der Beruf des Rechtsanwalts hat mich fasziniert und um einen Einblick zu bekommen, was die Aufgaben eines Rechtsanwaltes sind, der ja gerade beim Strafrecht auch Menschen verteidigt, die Dinge tun, die nicht rechtens sind, wollte ich Rechtsanwaltsfachangestellte werden. Entschieden habe ich mich dann später für eine zusätzliche Ausbildung zur Wirtschaftskorrespondentin in Englisch und Spanisch, weil ich schon immer ein sehr großes Interesse an Sprachen hatte und mir das Erlernen der Sprachen Freude bereitet.

Hattest Du immer die gleichen beruflichen Chancen wie Nicht-Sinti? Ich hatte mich auf freie Ausbildungsstellen als Rechtsanwaltsfachangestellte beworben. Obwohl ich ein einwandfreies Zeugnis hatte, habe ich immer nur Absagen auf meine Bewerbungen erhalten. Mit einer Stelle hatte ich nicht mehr gerechnet. Die allerletzte Bewerbung wurde aber dann angenommen. Als ich meine Ausbildung beim Rechtsanwalt begonnen habe, war ich erst 16 Jahre alt. Mein Ausbilder hat mir dann gesagt, dass ich keinen Ausbildungsplatz bei seinen Amtskollegen bekommen hätte, weil ich eine Sinteza sei. Jeder in Ravensburg weiß, dass in der Wohngegend, aus der ich stamme, Sinti leben und deren Nachnamen, also auch meiner,  sind bekannt.

Diskriminierungserfahrungen? Ja

Ja? Erzähl mal! Nach meiner Ausbildung zur Wirtschaftskorrespondentin in Englisch und Spanisch, war ich in einer Firma beschäftigt, in Ditzingen. Ich lernte dort eine Sinteza kennen und als der Personalchef davon gehört hat, kam er zu mir und meinte, hätte er gewusst, dass ich Sinteza bin, hätte er mich nicht eingestellt. Zitat: „Beim nächsten Vorstellungsgespräch lass ich mir den Ariernachweis vorlegen.“ Zitat Ende. Das war nur einer der Sprüche, die er mir damals zuschmetterte und ich muss sagen, diskriminiert zu werden ist eines der schlimmsten Dinge, die man erleben kann, das prägt einen fürs Leben. Womit mein Personalchef nicht gerechnet hat, war, dass ich kurze Zeit später gekündigt habe. Ich war mir zu schade für diese Firma.

Das war meine schlimmste Diskriminierungserfahrung, aber nicht die Einzige. Ich war nach dieser Erfahrung dann im Verkauf tätig, in einem netten Geschenkeladen und damals hat mich eine Kundin angesprochen. Ich erinnere mich nicht mehr an jedes Detail, nur so viel kann ich sagen, sie meinte, man sähe mir das an, dass ich Sinteza sei. Dabei machte sie mich auf die "Rassenlehre" aufmerksam. Was ich damals gelernt hab war, dass Nazis nicht nur die sind, die öffentlich mit Glatze und Bomberjacke herum laufen. Ich denke, noch schlimmer sind die Leute, denen man es nicht ansieht.

Sinti Powerbotschaft: Lass dich niemals unterkriegen und setze Dir Ziele. Denke nie, dass Du es nicht schaffen kannst. Auch Du kannst alles erreichen, wenn Du nur willst! Jeder Mensch braucht etwas, das ihn antreibt. Zieh deine Ausbildung durch, wenn Du es erreicht hast, kannst Du stolz auf Dich sein. Und jeder Beruf, der Dir Freude bereitet, ist wertvoll! Ohne Bildung hast Du keine Chancen.

 

Claudia Reinhardt

Name: Claudia Reinhardt

Alter: 46

Ich wohne in Baienfurt und komme aus Ravensburg

Meine Stärken: Mein Leben alleine meistern, für meine Familie da sein, das Vertrauen meiner Kunden gewinnen, Ehrlichkeit

Beruf: Ausbildung als Friseurin , Weiterbildung als Immobilienverkäuferin

Warum ausgerechnet dieser Beruf?

Wir Kinder mussten alle eine Lehre machen, das war die Voraussetzung meiner Mutter, also Andi, Markus, Michael und ich haben unsere Ausbildung gemacht. Bei mir sagte sie immer, ihr sei egal, was ich lerne, denn ich gehe so oder so mal in die Ehe und werde Hausfrau sein. Also habe ich eine Ausbildung als Friseurin gemacht. Ich habe diesen Beruf zunächst aus Zeitvertreib ausgeübt und daraus sind dann 12 Jahre geworden.  

Später habe ich eine Umschulung gemacht ins Kaufmännische, weil mein Traumberuf immer Immobilienkauffrau war. Also habe ich dann auf selbstständiger Weise eine Umschulung bei der kaufmännischen Schule in Ravensburg absolviert. Danach habe ich mich bei Garant Immobilien zur Maklerin ausbilden lassen, dies ging zwei Jahre. Danach habe ich  mit einem Kollegen von Garant ein eigenes Immobilienbüro eröffnet, dies war dann das ImmoTeam Bodensee-Oberschwaben.

Traum oder Ziel für die Zukunft? Mein Traum ist Gesundheit für mich und meine Familie. Und mein Ziel ist es, dieses Jahr ein bisschen  raus in die Natur zu fahren.

Ich bin eine Sinteza. Das war auf meiner beruflichen Laufbahn: Manchmal ein Hindernis      

Diskriminierungserfahrung:  Als ich im beruflichen Leben Fuß gefasst hatte, wurde es nicht thematisiert, dass ich eine Sinteza bin. Eher im Freundeskreis und im privaten Bereich habe ich schmerzhaften Diskriminierungserfahrungen gesammelt. Da merke ich immer wieder, dass mir selbst nahe Bekannte nie ganz vertrauen. Ich habe durch mein Immobiliengeschäft viel Geld verdient, dadurch kamen Gerüchte auf, dass es wohl nicht ganz rechtens zugegangen sein könne. Ich finde das so traurig und es ist ein wichtiger Punkt, den man hier erwähnen muss: Bei Sinti/Roma und Juden wird Wohlstand nie ausschließlich auf Fleiß oder Kompetenz zurückgeführen. Es herrscht immer ein latentes Mißtrauen und die Unterstellung steht im Raum, dass unter der Hand Schiebereien und Gaunereien stattgefunden haben. Unter diesen Generalverdacht zu stehen, verletzt mich immer wieder.

#Antiziganismus bedeutet für mich daher in erster Linie immer dieses Misstrauen in allen Lebensbereichen, die Konfrontation mit dem rassistischen Vorurteil der unerhrlichen und kriminellaffinen Sinti.

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