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Sinti in Ravensburg

Im kommenden Jahr 2019 wird sich der Sinti Powerclub verstärkt mit dem Thema ,,Sinti und Roma in der Region” befassen. Bis zur neuen Publikation steht hier eine kurze Übersicht aus dem Sinti Powerbook.

Sinti in Ravensburg
(Auszug aus ,,Sinti Powerbook”)

In Deutschland wurden 1407 das erste Mal Sinti urkundlich erwähnt. Die erste bekannte Erwähnung von Sinti in Ravensburg stammt relativ spät aus dem Jahr 1854 *1. Es hielten sich aber vermutlich bereits früher Sinti im Ravensburger Umland auf.

Die Archive der Stadt geben darüber Aufschluss, dass die Sinti am Rand der Gesellschaft lebten, belegt mit allerlei behördlichen Repressalien und verschmäht von den meisten Bürgern. Die Ansiedlung wurde ihnen genauso verwehrt, wie die Teilhabe am gesellschaftlichen und beruflichen Leben in Ravensburg.

Obwohl einige Jahrzehnte später mehrere Sinti in Weingarten als Soldaten stationiert waren und gemeinsam mit ihren Mitbürgern in den Ersten Weltkrieg zogen, wurden die „Maßnahmen gegen Zigeuner" zeitgleich verschärft. *2

Der Standort der späteren Barackensiedlung im vensburger Ummenwinkel war zunächst um die 1920er Jahre gelegentlicher Stellplatz für die Wohnwagen der Sinti. Wegen der Hochwassergefahr und der abgelegenen Lage wurde dieser Platz oft genehmigt, weil er einerseits gut zu kontrollieren und andererseits sehr ungemütlich für die Sinti-Familien war. Denn das erklärte Ziel der Stadt Ravensburg war es, die Sinti-Familien loszuwerden.

Im Nationalsozialismus wurde das Flurstück Ummenwinkel in ein sogenanntes Zigeunerzwangslager umgewandelt, in dem 100 Sinti interniert wurden . Dazu wurden 14 Holzbaracken für die Familien aufgestellt, das ganze Gebiet wurde mit Stacheldraht abgesichert, vor dem Beamte mit Wachhunden patrollierten.

Zwangsarbeit, Ausgangssperren, Kontrollen und willkürliche Einschränkungen bestimmten den Alltag der Ravensburger Sinti. Die ,,Rassenhygienische Forschungsstelle” führte ihre unmenschlichen Untersuchungen in Ummenwinkel durch, unter der Leitung von Robert Ritter und Eva Justin, die auch das Foto auf Seite 100 arrangierten.

Alles war für den Holocaust an den Sinti in Ravensburg vorbereitet gewesen, denn schon vor der Errichtung des Arbeitslagers waren alle Sinti aus dem Ummenwinkel „rassenbiologisch“ erfasst und von der Polizeibehörde ständig kontrolliert und protokolliert worden, sodass keine Fluchtmöglichkeit bestand.

Die regelmäßigen Razzien und Lagerinspektionen wurden aggressiv durchgeführt und lösten im Sommer 1938 im Ravensburger Lager einen Fluchtversuch junger Sinti aus, die aber bald verhaftet und in Konzentrationslager überstellt wurden.

Sechzig Prozent der Internierten waren Kinder und Jugendliche. Gerade sie mussten unter den Repressalien und den elenden Bedingungen leiden. Im März 1943 wurde ein Drittel der Lagerinsassen nach Auschwitz deportiert.*3

Kinder vor den Baracken in Ummenwinkel, März 1938 (STaRV Sammlung ,,Josef Zitrell”)
Kinder vor den Baracken in Ummenwinkel, März 1938
(STaRV Sammlung ,,Josef Zitrell”)

Die Nachkriegszeit verlief für die Sinti in Ravensburg deprimierend. Es gab bis Ende der 1970er Jahre keine Anerkennung des Völkermordes an Sinti und Roma, keine angemessene materielle Entschädigung oder Thematisierung und Aufarbeitung der Naziverbrechen an Sinti und Roma.

Die Situation in Ummenwinkel ist daher fast schon eine Metapher für die Zeit nach 1945. Die Lagerbaracken blieben in unveränderter Form als Wohnhäuser bis in die späten 1980er Jahre bestehen. Es gab weder Heizung noch fließendes Wasser. Lediglich ein zentraler Brunnen mit Handpumpe diente der ganzen Siedlung zur Versorgung.

Die Richtlinien zur ,,Bekämpfung des Zigeunerunwesens” aus dem Jahr 1911 bestimmten über den Nationalsozialismus hinaus bis in die 80er-Jahre die Handlungen und Denkmuster der Behörden und der Gesellschaft*4. Diskriminierung und Ausgrenzung waren somit noch lange Zeit an der Tagesordnung.

Der Antiziganismus der Nachkriegszeit verhinderte eine gleichberechtigte Teilhabe der Sinti. Die alten Vorurteile der Nazis blieben, zum Großteil waren es in den staatlichen Behörden und an den Schulen ja sogar noch dieselben Köpfe. Der Antiziganismus war ein blinder Fleck im kollektiven Bewusstsein der deutschen Gesellschaft und ist auch 2018 noch oft salonfähig.

Die Bürgerrechtsbewegung von Romani Rose und die Gründung des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma 1982 führten im selben Jahr zur Anerkennung des Völkermordes aus rassistischen Gründen an Sinti und Roma durch den damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt.

Damit rückten auch die Sinti in Ravensburg ins Blickfeld der kommunalen Politik, was aber der Bemühung einzelner zu verdanken ist, die sich dafür einsetzten, dass die Stadt ihren Blick auf die katastrophalen Wohnverhältnisse der Sinti in Ummenwinkel richtete.

1985 wurden die alten Baracken des ,,Zigeunerlagers” abgerissen und durch neue Bungalows ersetzt. Zusätzlich zur Verschiebung der Siedlung Richtung Stadt entstanden 1990 einige Wohnblocks und ein Kindergarten, allerdings unter Protest vieler Ravensburger.

Auch hier berichtete ein Artikel in der Schwäbischen Zeitung davon, dass sich ,,Gegen das neue Zigeunerlager [regt] breiter Widerstand” regte.*5

Ungeachtet dessen, dass die Sinti seit Generationen in Ravensburg leben und sich in ihrer Lebensweise kaum von der Mehrheitsgesellschaft unterscheiden, wird auch heutzutage noch vielen ihre Herkunft zum Stigma. Viele Sinti ziehen sich mit ihrer kulturellen Herkunft im Alltag in die Anonymität zurück.

Falls sie sich doch outen, werden sie von ihrer Umgebung oft nicht als gleichberechtigte Mitbürgerinnen und Mitbürger wahrgenommen, häufig noch als ,,Zigeuner” bezeichnet und damit degradiert.

Benachteiligungen im Alltag sind für Sinti keine Seltenheit: Bei der Wohnungssuche, auf dem Arbeitsmarkt oder im Bildung- und Gesundheitswesen ist der Antiziganismus wieder mehr denn je zu spüren. *6

Der erstarkende Rechtspopulismus in Europa und auch in Deutschland bedient sich alter Feindbilder, nutzt Bildungslücken zum Thema Sinti und Roma, um Vorurteile,  Hass und Misstrauen gezielt zu schüren, mit der Absicht, die Gesellschaft und die demokratischen Werte zu spalten.

Die Mitglieder des Sinti Powerclub e. V. werden auch heutzutage noch als „Zigeuner“ bezeichnet, auch von Lehrern, die ihre Nähe zur AfD nicht leugnen. Ravensburger Sinti-Kindern werden 2018 noch Bildungsresistenz, kulturbedingte Faulheit und unnötige Fehltage angedichtet.

 Der Antiziganismus wurde über die Jahrhunderte hinweg tradiert, auch in Ravensburg. Die Omnipräsenz dieser spezifischen Vorurteile gegen Sinti und Roma lassen weder wirklich freie Entfaltung des individuellen Potentials zu, noch eine gleichberechtigte Teilhabe. Für beides setzt sich der Sinti Powerclub ein, denn wir wollen unsere Identität nicht über eine Opferrolle, noch über Klischees definieren. Wir möchten als engagierte Mitbürgerinnen und Mitbürger unsere Gesellschaft mitgestalten und als gleichberechtigt wahrgenommen werden.

 Kinder und Jugendliche beim Luftballonsteigen in Ummenwinkel,Aktion gegen Hatespeech, Ich&Du Fest,Juli 2018
Kinder und Jugendliche beim Luftballonsteigen
in Ummenwinkel,Aktion gegen Hatespeech, Ich&Du Fest, Juli 2018

 

Dieser kurze Einblick in die Geschichte der Sinti in Ravensburg soll nur einen kleinen Umriss davon zeichnen, weshalb die positive Grundeinstellung des Sinti Powerclubs so wichtig für uns Sinti ist und weshalb auch Aufklärung ein wichtiges Anliegen des Vereins ist. Es wird uns auch in Zukunft weiter beschäftigen, die Geschichte und Gegenwart der Ravensburger Sinti im Dialog zu thematisieren.

 

 

 


*1 Vgl. Florian Lindemann, Die Sinti aus dem Ummenwinkel. Ein sozialer Brennpunkt erholt sich, Weinheim /Basel 1992, S.36
*2 Vgl. Ester Sattig, Das Zigeunerlager Ummenwinkel. Die Verfolgung der oberschwäbischen Sinti, Berlin 2016, S. 23
*3 Vgl. Ester Sattig, Das Zigeunerlager Ummenwinkel. Die Verfolgung der oberschwäbischen Sinti, Berlin 2016, S. 57-254, S. 344
*4 Peter Widmann, An den Rändern der Städte. Sinti und Jenische in der deutschen Kommunalpolitik, Berlin 2001, S. 10f
*5 Schwäbische Zeitung Ravensburg, ,,Gegen das neue Zigeunerlager regt sich breiter Widerstand”;16.7.1982

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